|
Von unserer Mitarbeiterin Evgeniya Zaytseva
Stampfende Absätze, elegant schlängelnde Hände, ein durchdringender Blick wie ist es eigentlich, Flamenco zu tanzen?
Das wollte BZ-Mitarbeiterin Evgeniya Zaytseva erfahren. Dabei halfen ihr die Tanzpädagoginnen Sybille Märklin und
Michaela Wenzlaff aus dem Zentrum für Flamencokunst "La solea" . Bericht eines erkenntnisreichen Tages.
Vor dem Unterricht machen mir die Tanzlehrerinnen keine Hoffnungen: "Eine Stunde, das ist nichts für Flamenco.
Flamenco, das ist ein kompliziertes Zusammenspiel aus Tanz, Gesang und Gitarre, sogar eine besondere Lebenseinstellung",
sagt Sybille Märklin und gibt mir erstmal einen langen roten Rock und schwarze Lederschuhe. Ich kleide mich um. Wir
gehen in eine große Tanzhalle, an den Wänden hängen große Spiegel. Ich mache ein paar Schritte. Jeder Schritt prallt
mit Rhythmus vom Boden ab. Wie Herzklopfen. Ich stehe mitten in der Halle, in dem langen Rock, in den spanischen
Schuhen, mit geknoteten Haaren und denke: "Jetzt bin ich auf dem Territorium Flamenco." Aber ich irre mich: Flamenco
sitzt nicht in Rockfalten oder Absätzen — sondern in dir selbst. Das werde ich heute noch erfahren.
Alles ist bereit. Michaela Wenzlaff schaltet die Musik ein und gibt mir eine Einweisung: "Mach die Augen und Ohren
auf, höre auf deinen Körper." Die klangvollen Rhythmen der spanischen Gitarre & Sybille zeigt mir Armpositionen. Ich
fühle mich wie ein Baum: mein Körper ein fest stehender Stamm, meine Arme elastische Äste, meine Hände wie vom Wind
bewegte Blätter. Sybille korrigiert: "Die Ellenbogen müssen immer nach oben sehen." Das lässt sich nicht so leicht
machen: Meine Arme sind überanstrengt und wollen nicht auf mich hören.
Nun — die Füße. Jeder Fußschlag hat seinen Namen. Zuerst Schläge mit dem ganzen Fuß: golpe; dann mit der Spitze:
planta; dann mit dem Absatz: tacon. Die Schnelligkeit der Schläge nimmt zu. Ich komme Michaela und Sybille nicht
hinterher.
Doch schon ist es Zeit, die erste Kombination zu erlernen. Die Füße schreiten sicher auf dem Boden und die Hände
wechseln sich ab, als ob sie um den Vorrang kämpfen. Aber es ist nicht leicht, die Bewegungen von Händen und Füßen
zu koordinieren. Ich versuche es. Hände und Füße machen immer noch, was sie wollen. Aber ich gebe nicht auf. Und
nach einigen Versuchen klappt es tatsächlich! Das ist eine Empfindung von Grazie, aber zugleich auch von Kraft.
Ich fühle mich wie ein Vogel, der die Flügel ausbreitet. Und nun verstehe ich endlich, dass Flamenco keine
Tanztechnik ist, sondern eine Bewegung der Seele. Sybille nickt: "Die, die einmal Flamenco getanzt haben,
bleiben entweder kalt oder brennen darauf. Aber wer infiziert wird — wird flamencosüchtig" . Ich fühle: Meine
Geschichte mit dem Flamenco beginnt.
|